Di
06
Jan
2009
Was ist bloß mit den Deutschen los?
Ich bin irritiert. Positiv irritiert irgendwie. Die Deutschen haben eines ihrer prägnantesten Gesellschaftsgüter verloren. Wo ist unser Pessimismus hin?
Die deutsche Wirtschaft steht vor der größten Rezession seit der letzten "echten" Wirtschaftskrise der 20er Jahre, Banken wackeln, diverse Branchen rufen nach dem Schutz und Eingreifen des Vaters Staat, die Prognosen sind düster, die Sozialkassen renovierungsbedürftig, und die heutige Jugend erhält im Alter sowieso keine staatliche Rente mehr.
Kurz: wir bekommen tagtäglich gezeigt, dass wir, dass Deutschland, am Ende ist. Aber ist Ihnen nicht auch schon aufgefallen, dass dies niemanden wirklich zu interessieren scheint?
Der Einzelhandel meldet zu Weihnachten hohe Umsätze. Die großen Konzerne drehen zwar jeden Cent derzeit um, möchten aber auf keinen Fall in wichtigen Bereichen sparen, um - wie man derzeit immer wieder lesen kann - als Sieger aus der Krise hervorzugehen.
Die Forschungsgruppe Wahlen des ZDF Politbarometers befragte im Dezember 1.268 Wahlberechtigte nach Ihrem persönlichen Ausblick für 2009. In dieser Umfrage gaben 80% an, dass sie gegenüber 2008 ein besseres oder unverändertes Jahr erwarten. Beeindruckend, oder? Insbesondere vor dem Hintergrund das 2008 doch wirklich für die meisten Deutschen ein wirklich gutes Jahr gewesen ist.
Woher kommt dieser aufgetauchte - man wagt es sich ja fast nicht mit den Deutschen in einem Satz zu schreiben - "Optimismus". Hätten wir nicht vor Jahren noch in einer solchen Situation den Einkauf aller nicht-lebensnotwendigen-Dingen sofort eingestellt und den Sparstrumpf gefüttert? Was ist bloß mit den Deutschen los?
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich trauere der nihilistischen Zeit nicht hinterher. Ich bin ebenfalls von diesem merkwürdigen Virus befallen, welches mir immer wieder sagt, dass wir als Sieger aus dieser Krise hervorgehen werden. Und ich finde das gut so. Ich frage mich bloß, wie kommt das? Was ist in den letzten Jahren passiert, dass wir so "cool" mit einer solchen Situation umgehen?
Ich persönlich sehe mehrere Gründe, lassen Sie mich die m.E. wichtigsten kurz aufführen:
- Das neue Selbstbewusstsein.
Die Weltmeisterschaft 2006 hat es zum Ausdruck gebracht. Die Deutschen haben ein neues - oder sollte man schreiben "haben tatsächlich ein" - Selbstbewusstsein. 60 Jahre nach den Verbrechen des zweiten Weltkrieges darf es ausgesprochen werden, man darf stolz sein.
Aber es ist nicht nur der Schatten unserer Geschichte, der viel Zeit gebraucht hat um verarbeitet zu werden, nein, die Deutschen haben auch Zeit gebraucht um starke Zuwanderwellen und eine Wiedervereinigung in die Gesellschaft zu integrieren und sich als Land zu finden.
- Eine stabile Politik mit einem eigenen Gesicht bei Auslandsfragen.
Wir als Staat reagieren eher behäbig als schnell, eher sehr lange durchdacht als besonders flexibel...alles Eigenschaften, die oftmals eher kritisch gesehen werden, jedoch der deutschen Mentalität entsprechen und zu einer politischen Ruhe und Sicherheit führen.
Gleichzeitig passierte in der vergangenen Zeit etwas interessantes. Was aus wahlkampfpolitischen Gründen getrieben unter Schröder begann, setzt sich seit einigen Jahren nun fort: Deutschland traut sich - auch gestärkt durch das neue Selbstbewusstsein - zu einer eigenen Stimmen in der Außenpolitik und schafft es so, im Innern des Landes eine gewisse gesellschaftliche Gemeinheit herzustellen. Selten waren sich die Deutschen auf der Straße oder bei der Arbeit über Kriegseinsätze in Afghanistan oder Irak, über europäische Fragen oder die Rolle der USA so einig wie Heute.
- Eine starke Wirtschaft globalisiert die Nation.
Kein Land auf der Welt hat einen solchen breiten und gesunden Mittelstand, der eine einzigartige Balance aus Innovationsfreude und langfristigem Erfolgsdenken findet wie Deutschland. Was sich anhört wie der Slogan einer Werbekampagne, ist meine feste Überzeugung. Und allen Unkenrufen zu Trotz: unsere Konzerne sind weltbekannt, leisten anerkannte Arbeit und ihrem Image-entsprechend beste Qualität. Alle namhaften Konzerne stehen zu Ihrem Standort Deutschland. Deutschland ist Exportweltmeister und das schon seit Jahren.
Die ungeheure Globalisierung und der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands dabei, führt zu einem Halo-Effekt, strahlt also direkt auf uns als arbeitende Bevölkerung ab. Arbeitnehmer werden regelmäßig von ihrem Arbeitgeber zu ausländischen Kunden oder Niederlassungen entsandt, Studenten verbringen einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland und unsere Jugend lebt dank Internet, Euro und EU in einer Welt, in der Grenzen lange nicht mehr die Präsenz haben wie noch vor einigen Jahrzehnten. Dadurch stärkt sich bei einer Vielzahl der Deutschen das positive Bild des eigenen Landes, man kann Vergleiche zu anderen Ländern ziehen und stellt fest: unser Pessimismus ist vielleicht gar nicht mehr so angebracht?
Es gibt sicherlich noch zahlreiche weitere Argumente, die das neue Gedankengut der Deutschen begründen könnten. Ich bin auf jeden Fall gespannt, ob wir unseren Pessimismus tatsächlich verloren, oder nur ausgeblendet haben. Die kommenden Jahre werden es zeigen.
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1 Kommentar
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#1
Hi Blasius,
frohes neues Jahr vorneweg. Guter Artikel, hatte das gleiche Thema vor ein paar Tagen beim Einkaufen mit einem Bekannten. Schaue in Zukunft natürlich regelmäßig hier vorbei.
VG Dominic 
